Kalkbrandstellen in der Eiszerfallslandschaft südlich von Seeshaupt

Südlich von Seeshaupt, besonders im Gebiet zwischen Seeshaupt, Lauterbachermühle und Ellmann findet man eigenartige Bodengruben, in denen vor ca. 200 bis 300 Jahren Kalk gebrannt wurde. Der hier hergestellte Branntkalk diente nach dem Ablöschen mit Wasser als Bindemittel im Mauerwerk, als Weißelkalk zum Weißeln von Wänden und als Anstrich in Kuhställen. Hier wirkt die stark basische, ätzende Kalkmilch als Desinfektionsmittel.

Die Produktion von Branntkalk war wichtig für die Eigenversorgung und teilweise auch ein Zubrot in der damaligen Landwirtschaft. Man nimmt an, dass größere Höfe unabhängig voneinander Kalkbrennöfen besaßen und einmal bis zweimal im Jahr Kalk gebrannt wurde.

Bei allen bis jetzt gefundenen Kalkbrandstellen ist kein intakter Ofenbau mehr zu erkennen, die eigentlichen Kalköfen sind zerstört. Man findet in den typischen Bodengruben nur noch die Reste von mehr oder weniger  geschmolzenen Mauersteinen, gebrannten Lehmbrocken und abgebundenem Kalk.

Die Moränen des Isar-Loisachgletschers südlich von Seeshaupt lieferten die Zutaten, um Branntkalk herzustellen:

Die zum Brennen nötigen Kalksteine konnten auf den Feldern als Lesesteine gefunden oder in Aufschlüssen wie Kiesgruben einfach gesammelt werden. Diese Kalksteine waren teilweise kopfgroß oder größer. Die zum Errichten  der Außenwände der Kalköfen verwendeten Kieselgerölle, Sandsteine, Gneis und Amphibolite fand man direkt neben den Kalksteinen im Moränenschutt. Das Holz zum Brennen der Kalksteine im Inneren der Kalköfen war  natürlich auch vorrätig und musste geschlagen und getrocknet werden.

Sämtliche Rohstoffe waren eigentlich vorhanden; man konnte mit genügend Erfahrung einen mehr oder weniger hochwertigen Branntkalk herstellen.

A. Herstellung von Branntkalk und Kalkhydrat

1. Kalkbrennen

Der eigentliche Vorgang des Kalkbrennens sieht folgendermaßen aus:

In den Kalköfen (Feldöfen, den sogenannten Kalkmeilern) werden Kalksteine so eingefüllt, dass im Gewölbe unterhalb der Kalkfüllung genug Platz ist für Holzscheite, die die nötige Hitze für den Brennvorgang liefern. Als  Brennmaterial wurden fast ausschließlich Fichtenholzscheite verwendet, die bei ständiger Zufuhr eine Brenntemperatur von ca. 1000 – 1200°C erzeugten. Die enorme Hitze beim Brand führt dazu, daß die weißglühenden Kalksteine (Calciumcarbonat, CaCO3 ) das chemisch gebundene Kohlendioxid (CO2) verlieren. Man spricht hier vom „Entsäuern“ des Kalkes. Am Ende des Brennvorganges liegt nur noch der reine,  weiße Branntkalk (Calciumoxid, CaO) vor.

Besonderheit:

Zum Bau des Kalkofens musste ein Mauerwerk errichtet werden. Dazu verwendete man natürlich keine Kalksteine, die nach dem Brand zerfallen würden und dadurch der Kalkofen einstürzt. Vielmehr kannte man die  Eigenschaft von Gneis, Sandsteinen und Amphiboliten, bei Temperaturen von ca. 1000 – 1100° C zu schmelzen und sich somit untereinander zu verbinden. Man konnte also durch Verwendung dieser Kristallin-Gerölle als  Ofen- Mauersteine (in Verbindung mit Lehm) ein einigermaßen stabiles Mauerwerk errichten. Fertige Ziegel für den Ofenbau zu verwenden war sicherlich zu teuer.

Man kann angeschmolzene Mauersteine in den alten Kalkofengruben finden und somit die Anwesenheit eines Kalkofens auch bei zerstörten Öfen nachweisen.

2. Löschen des Branntkalkes, Herstellung von Kalkmilch (Kalkhydrat) :

Übergießt man die abgekühlten Branntkalkbrocken mit Wasser in einer sogenannten Löschgrube, dann bildet sich unter starker Hitzeentwicklung eine weiße, dicke Masse, Kalkmilch (Kalkhydrat, Calciumhydroxid, Ca(OH)2 ),  die in den abgedeckten Löschgruben der jeweiligen Bauernhöfe über Jahre gelagert („eingesumpft“) wurde. Diese Masse („Sumpfkalk“) setzte man nun als Bindemittel dem Mörtel zu oder man bereitete daraus durch  Verdünnen mit Wasser eine Wandfarbe zum weißeln.

3. Abbinden des Kalkes im Mörtel bzw. in der Wandfarbe :

Beim Abbinden des Kalkhydrats im Mörtel bzw. in der Wandfarbe entsteht in Verbindung mit Kohlendioxid aus der Luft wieder Kalk (Calciumcarbonat, CaCO3 ) in kleinen Kristallen, die verfilzen und somit das Aushärten bewirken.

Der Kreislauf vom Kalkstein zu Kalkkristallen im Mörtel bzw. in der Wandfarbe ist somit geschlossen.

B. Anlage und Bau von Kalköfen in unserer Gegend

Wir nehmen an, dass in unserer Gegend sogenannte Feldöfen verwendet wurden, also eigentlich primitive Kalköfen in Meilerform. Durch die Hitze beim Brennen verbanden sich die angeschmolzenen Mauersteine  untereinander und bildeten einen festen Mantel. Da man die Brandgruben in leicht geneigtem Terrain anlegte, hatte man die Möglichkeit, von vorne zu heizen und später den Branntkalk über eine geneigte Rinne aus dem Ofen  zu ziehen. Den eigentlichen Heizraum schloß eine Mauer mit Schüröffnung ab.

Die Kunst beim Einrichten des Ofens vor dem Brand bestand darin, die zu brennenden Kalksteine so aufeinander zu stapeln, dass ein selbsttragendes Gewölbe entstand. In dieses Gewölbe wurden die Holzscheite zur  Befeuerung durch die Schüröffnung der Ofenwand geschoben.

Dadurch, dass keiner der gefundenen Kalköfen intakt ist, konnten wir nur auf Grund von Gemälden, Zeichnungen und Literaturvergleichen auf die ungefähre Anordnung der Öfen schließen. Es gibt Bilder aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert, die solche Feldöfen aus der Gegend von Wien zeigen.

Bis jetzt ist es uns nicht gelungen, spezielle Literatur oder Bilder über Kalköfen in unserer näheren Umgebung zu finden.

Größe und Form der Kalkbrandgruben:

Sämtliche Kalkbrandgruben liegen in leicht geneigtem Terrain hauptsächlich in den Wäldern zwischen Jenhausen, Magnetsried, Seeshaupt, Iffeldorf und Eberfing (speziell Pollingsried). Sie zeichnen sich durch eine ovale, 3-6  m lange und etwa 2-4 m breite Grube aus, die eine Rinne, welche nach unten führt, besitzt. Diese Grube stellt den Brennraum des Kalkofens dar. Der Brennraum bildet quasi das Fundament bzw. den Grundriss des Ofens.  Zusätzlich fällt eine Böschung am Beginn der Rinne auf. Auf dieser Böschung stand die Ofenmauer mit der Schüröffnung. Wir nehmen an, dass der eigentliche Kalkofen eine meilerähnliche, kegelstumpfartige Form hatte, mit  einer geschätzten Höhe von ca. 3-4 m (unsicher!), bei einem Durchmesser von ca. 2-4 m. Als weiteres interessantes Detail findet man meistens Erdaufschüttungen links und rechts der Ofengrube. Sie dienten zur  Wärmeisolierung und zur Kontrolle der Zugluft am Ofen.

C. Nachweis der Kalköfen

Chemischer, bzw. mineralogischer Nachweis:

Bei gezielter Probennahme in den Kalkbrandgruben findet man immer wieder die typischen verglasten und geschmolzenen Gerölle, welche die Mauersteine darstellen. Außerdem sind im Ofenschutt weiße, bröselige Brocken  und Sande zu finden, die aus abgebundenem Kalk bestehen. Bei chemischer und mineralogischer Analyse der gefundenen Artefakte konnte eine Herkunft aus Kalkbrennöfen sicher ermittelt werden. Besonderer Dank gebührt  Herrn Prof. Dr. Hans KRUMM von Institut für Geochemie und Lagerstättenkunde an der Universität Frankfurt, der als Spezialist für historischen Bergbau und Hüttenwesen im Voralpenland die Proben untersuchte und einen  Teil der Kalkbrandstellen besichtigte. Er erhärtete den Verdacht auf Kalköfen.

Versuche zum geschichtlichen Nachweis, bzw. einer Datierung der Kalköfen:

Die Versuche zum geschichtlichen Nachweis der Kalköfen in unserer Gegend gestalteten sich relativ schwierig, da es kaum Literatur darüber gibt und auch relativ wenig Archivalien über die Existenz dieser Kalköfen zu finden sind. Besonderer Dank gebührt hier Herrn Armin GUTMANN und Frau Dr. Walburga SCHERBAUM, beide aus Bernried, die wertvolle Hinweise und Hilfestellungen lieferte.

Herr Armin GUTMANN, Vermessungsingenieur aus Bernried, fand beim Studium von historischem Kartenmaterial Signaturen von Kalköfen, verzeichnet in Urkatasterblättern aus den Jahren 1809-1810. Bei vergleichender Geländebegehung konnten diese Signaturen eindeutig den gefundenen Kalköfen zugeordnet werden. Natürlich waren nicht alle gefundenen Kalköfen als Signaturen in den Uraufnahmen verzeichnet.

Frau Dr. Walburga SCHERBAUM, Historikerin aus Bernried, fand beim Lesen einer Dorfchronik von Seeshaupt in der Beschreibung der Pfarrkirche den Auszug aus einem Saalbuch von 1739: „Auf dem nebst Fröchelsee  (Frechensee) für beide Kirchen, Seeshaupt und Seeseiten, gebrannten Kalk, sind neben den 489 Metzen, so man zu Seeshaupt in die Grube* eingelassen, erlöst worden 17 Gulden 5 Kreutzer“ (1). Tatsächlich findet man am Frechensee in Seeshaupt einen Kalkofen mit beachtlichen Ausmaßen. Dieser Ofen ist auch im Urkatasterblatt SW 16-10 von 1810 als Signatur erhalten.

Beim Studium diverser Archivalien im Hauptstaatsarchiv in München fand sich ein Schriftstück aus dem Jahre 1819, das „Verzeichnis der im Landgerichtsbezirk Weilheim sich befindlichen Steinbrüche, Zieglereien, Kalk- und Gypsbrennungen, dann Holzschneidmühlen, verfaßt am 4. Mai 1819“ (2). Hier findet man in einer tabellarischen Aufstellung in den Ortschaften Eichendorf, Pollingsried, Jenhausen und Frechensee jeweils 2 bzw. 1 Kalköfen. Diese Kalköfen konnten nahezu alle aufgefunden werden.

— Horst Herrmann, Bernried, im Dezember 2014

* Der Ausdruck Grube bezeichnet die Löschgrube für den Branntkalk.

Literatur- und Quellenverzeichnis:

Im Text zitierte Schriften:

(1) GRAF, Matthias (1892): Chronik von Seeshaupt, Magnetsried und Jenhausen – Donauwörth 1892

(2) HAUPTSTAATSARCHIV MÜNCHEN, Fasz. AR I/1179, Nr. 63

Weiterführende Literatur:

AST, Hiltraud (1977): Die Kalkbrenner am Ostrand der Alpen ; Gesellschaft der Freunde Gutensteins, Perlach-Verlag Augsburg, 1. Aufl., 128 S.

HOLLEMANN-WIBERG (1985): Lehrbuch der Anorganischen Chemie, Verlag Walter de Gruyter, Berlin-New York 1985, 1451 S.

RAMDOHR, P. u. STRUNZ, H.: Klockmanns Lehrbuch der Mineralogie, Enke Verlag Stuttgart, 16. Aufl. 1978/1980, 876 S.

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